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„Wer ist der Mann mit dem Spitzbart?“
Von Marianne Nordsiek, Minden
„Ein Unbekannter als Namenspatron für das neue Klinikum in Minden!“
So reagierte die Mindener Lokalpresse 2004 auf die Entscheidung der zuständigen Gremien, das neue Mindener Klinikum nach Johannes Wesling zu benennen. Offensichtlich waren
Name und Bedeutung dieses Mindeners in Minden völlig unbekannt – und das ist symptomatisch für die Überlieferung der Lebensgeschichte des in Minden geborenen Wissenschaftlers und
in Padua verstorbenen Professors für Chirurgie, Anatomie und Pharmakologie.
Johannes Wesling wurde 1598 in Minden an der Weser in der damaligen Hauptstadt des Fürstbistums Minden
geboren, in der Pfarrkirche St. Martini getauft und starb am 30. August 1649 im 51. Lebensjahr in Padua, eine Universitätsstadt in der Republik Venedig. Weslings Memoria ist in Padua
heute noch im Palazzo del Bo und in der Basilika San Antonio zu sehen. Er soll im Kreuzgang des Kapitels von San Antonio begraben worden sein. Einen Nachweis gibt es dafür nicht.
(Bernado Gonzati, La Basilica die S. Antonio di Padova descritta ed illustrata, Padova, Bianchi 1852-1854, vol I.pag. 286).
Die meisten Biografen Weslings verwechseln ein noch
heute vorhandenes, hoch an einem Pfeiler angebrachtes Epitaph in San Antonio mit einem Grabstein (lat. sepulcrum). Für dieses Epitaph in San Antonio hatte Wesling in seinem Testament
1649 eine hohe Geldsumme hinterlegt. Sein Schwiegersohn Johannes Pueppa ließ es nach 1650 in San Antonio anbringen.
Heutige Professoren bekommen in der Regel keine Epitaphien in
Kirchen, aber noch im 16./17. Jahrhundert waren die Universitäten eine Angelegenheit der römisch-katholischen Universalkirche, und jede Maßnahme einer Universität brauchte eine
päpstliche Genehmigung. Veröffentlichungen erhielten erst nach Vorlage der Texte das päpstliche Imprimatur, und Promotionen und Prüfungen und Ernennungen wurden generell von
kirchlichen Gremien vorgenommen. In einem katholischen Land brachte das für katholische Studenten und Professoren keine Probleme, wohl aber für Protestanten aus Deutschland.
Im
Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gab es viele Territorien, deren Bevölkerung inzwischen protestantisch geworden war, z. B. das von einem Bischof regierte und später von den
Schweden besetzte Fürstbistum Minden mit seiner Hauptstadt Minden. In Italien konnte sich die Universität Padua (Einrichtung seit 1222) schon sehr früh vom römischen Kirchenstaat
emanzipieren, da sie seit 1405 (bis 1797) zur Republik Venedig gehörte. In der Rivalität zur päpstlichen Universität Bologna nahm die venezianische Universität Padua auch
protestantische Studenten auf und seit 1616 konnte sie im „Collegio Veneto“ den Doktorgrad auch an Protestanten verleihen – selbstverständlich ohne Zustimmung der
römisch-katholischen Kirche.
Zwischen Weslings Geburt in Minden und seiner Lehrtätigkeit in Padua liegt ein Lebensabschnitt, der geprägt worden ist von einer protestantischen
Familie in Minden, dem Schulunterricht in einem von der Mindener Bürgerschaft 1530 eingerichteten evangelischen Gymnasium - Wesling ist eingetragen 1611 im Schülerhauptverzeichnis der
Schule - und dem Studium der Rechtswissenschaften und Medizin an den calvinistischen bzw. lutherischen deutschen und niederländischen Universitäten Helmstedt (Immatrikulation 1618),
Leiden (1520), Wittenberg (1621), Groningen (1623), Rinteln (1624) und schließlich ab 24. Juni 1625 Medizin im venetianischen Padua.
Ein Jahr später, am 10. Juni 1626, wurde
Wesling in Padua promoviert zum Doktor der Medizin in Anwesenheit eines Prokurators „ex autoritate Veneta“ im Palazzo del Bo. Er ist die Nr. 118 im „Catalogus Germanorum, qui ex
privilegio a serenissimo domino Veneto almae universitati Patavinae concesso in Collegio „Al Bo" dicto medicinae et philosophiae doctores sunt renunciati“.(Fritz Weigle, Die
deutschen Doktorpromotionen in Philosophie und Medizin an der Universität Padua von 1616-1663, S. 341).
Ausländischen protestantischen Studenten wurde generell ein Freiraum im
Staatsgebiet der Republik Venedig zugestanden. Sie durften sich allerdings in keiner Weise exponieren, sondern mussten äußerste „Zurückgezogenheit“ üben, um „Zusammenstöße
mit der katholischen Umwelt“ zu vermeiden. Selbst der päpstliche Nuntius Bolognetti nahm politisch Rücksicht auf die Universität Padua, wenn er feststellte, dass der Rat von
Venedig „neben dem Respekt vor der Universität“ und um „die Deutsche Nation nicht zu verärgern, die Angelegenheit zu einer Frage der Staatsräson machte“. Das Problem
einer evangelischen Gemeinde in Venedig war daher im 17. Jahrhundert eher eine diplomatische Angelegenheit zwischen päpstlicher Inquisition und dem liberalen Stadtstaat Venedig, in dem
die protestantische Gemeinde offiziell gar nicht existent war und äußerst zurückgezogen lebte. (Stefan Oswald, Die Inquisition, die Lebenden und die Toten. Venedigs deutsche
Protestanten, Sigmaringen 1989, S.31-32, S. 63).
In seinem Testament bittet Wesling seine Ehefrau, „dass sie lebe in aller Nüchternheit und Eingezogenheit, um die Ehre und
Reputation zu erhalten, die sie bisher erworben hat und die Tochter erziehe in allen adelichen Tugenden, damit sie Trost darin habe. (Marianne Nordsiek, Ein Mindener in Padua, Minden
2000, S. 43/44). Zurückgezogenheit war das Schlüsselwort und Kennzeichen der Protestanten. Sie waren in Venedig anwesend, ihre Konfession aber nicht in der Öffentlichkeit
präsent.
Vor 1648 gab es schon eine anerkannte ev. luth. Gemeinde im Haus „Fondaco de Tedesci“ in Venedig. Ihre Gottesdienste waren nicht öffentlich, allerdings hatte die
Gemeinde erst 1650 einen ständigen evangelischen Prediger (Theodor Elze, S. 62ff). Ob es in der Stadt Padua auch eine organisierte evangelische Gemeinschaft gab, ist unklar.
Die
Verleihung des Doktortitels im „Collegio Veneto „auctoritate Veneta“ befreite , wie schon erwähnt, den deutschen Doktoranden Wesling von der Verpflichtung des katholischen
Bekenntnisses, d. h. von der professio fidei Tridentina.(Lucia Rossetti, L´Universita di Padova, 1972, S.25). In Padua wurden seit dem 16. Jahrhundert Studenten aus ganz Europa nach der
Devise (in der Aula Magna) „Universa Universis Patavina Libertas“ ausgebildet, aber die Ernennung zum Universtätsprofessor, die Wesling anstrebte, wurde ihm in Padua zunächst
versagt.
Wer ist nun jener in Padua promovierte Johannes Wesling Mindanus?
In der biografischen Literatur führt schon sein Familienname zu orthografischen Irritationen. Das
anlautende deutsche „W“ ist in die Wissenschaftssprache des 17. Jahrhunderts nicht übertragbar, da das Lateinische den Buchstaben „W“ nicht kennt – nur das V.
Latein aber war die Gelehrtensprache an europäischen Universitäten bis ins 17. Jahrhundert. Alle Europäer: Niederländer, Deutsche, Italiener, Dänen, Schweizer, Engländer sprachen
Lateinisch – die Sprache einigte Europa – und jeder Student, jeder Professor in Europa, in Padua konnte Dissertationen oder Publikationen in lateinischer Sprache lesen! Selbst
Vorlesungen wurden in Lateinisch gehalten.
Weslings wissenschaftliche Publikationen erschienen im 17. Jahrhundert deshalb in lateinischer Sprache unter seinem Gelehrtennamen
„Veslingius“, dem man das Adjektiv „Mindanus“ oder „Mindensis“ hinzufügte. Es ist daher heute ratsam, Johannes Wesling in Nachschlagewerken, Lexika oder im
Internet unter den Buchstaben W und V zu suchen. In Mindener Urkunden und Kirchenbüchern heißt die Familie Wessling/Wesling, im englisch/ amerikanischen Sprachraum Vesling.
In
der internationalen Medizingeschichte sind Weslings wissenschaftliche Leistungen unbestritten. Weniger zuverlässig sind allerdings die biografischen Lexika oder medizin-historischen
Nachschlagewerke zu Weslings Biographie, wenn man zu seiner Familie oder seiner Ausbildung Hinweise sucht. Es herrscht allgemeine Verwirrung über seine Lebenszeit vor seiner Professur in
Padua. Beispiele sind:
Johann Gottlieb Jöcher (1848): „Wesling, ein Medicus, war zu Minden in Westphalen gebohren und gieng sehr jung mit seinem Vater nach Wien, wo er selbst in
Humanioribus, und sonderlich in Poesie grosse Progressen machte.“
Franscesco la Cava (Milano 1948): „Der 1598 in Minden (Westfalen) geborene Vesling folgte noch in jungen
Jahren seiner Familie nach Wien, die sich dort, wie es scheint, niedergelassen hatte, um der religiösen Verfolgung gegen die Katholiken zu entgehen.“
Erich Hintzsche (1976):
„Nothing certain is kown about his parents, although it appears that the Catholic family fled to Vienna to escape religious persecution.“
Galileo Project (world wide web):
Father: „Occupation: Unkown“, „All we know is that his Catholic family apparently fled to Vienna to escape religious persecution.”
Education/ Schooling: Leiden,
Bologna, M:D. It appears, however, that he did not receive a degree from either university.
Diese Tradierung von Fehlern und Ungereimtheiten über Wesling, den alle Biografen als
Katholiken nach Wien fliehen lassen, zeigt, dass diese falschen Angaben nicht etwa das Ergebnis eigener Forschung oder wenigstens kritischer Prüfung sind, sondern eine kritiklose
Abschrift aus dem jeweils älteren Handbuch oder Lexikonartikel. Wesling selbst konnte nicht mehr korrigieren und seine Mindener Nachkommen nahmen solche Bücher nicht zur
Hand.
Diese biographischen Angaben oder Vermutungen entsprechen nicht den Tatsachen. Johann Wesling hat eine Mindener Familie, und sie ist zu keiner Zeit nach Wien verzogen. Seine
Eltern und seine Geschwister und deren Kinder lebten in Minden. Und sie mussten auch zu keiner Zeit aus Glaubensgründen Minden verlassen, denn seit 1530 war Minden eine
evangelisch-lutherische Stadt, allerdings mit nominell katholischen Fürstbischöfen als Landesherren im Fürstbistum Minden.
Anders als in Italien waren deutsche Bischöfe nicht
nur geistliche Oberhirten ihrer Diözese, sondern auch weltliche Territorialherren ihrer Fürstbistümer und in der Regel wie weltliche Fürsten auch deutsche Reichsfürsten, die den
römischen deutschen Kaiser ebenso wie die weltlichen Fürsten mit wählten. Im 16./17. Jahrhundert, dem Zeitalter des „Konfessionalismus“, taktierten viele Fürstbischöfe
zwischen geistlichem Amt und fürstlicher Macht. Aber die Mindener Fürstbischöfe, denen die katholischen Untertanen in Stadt Minden und Fürstbistum Minden abhanden gekommen waren, weil
sie alle Protestanten geworden waren, taktierten auch noch zwischen zwei Bekenntnissen.
Um auf den Bischofsstuhl in Minden zu gelangen, musste man mit Rücksicht auf die
kaiserliche Belehnung und die päpstliche Konfirmation katholisch sein oder ausreichend diesen Eindruck vermitteln. Im Hinblick auf politische Situation der Kirchen in Norddeutschland und
die protestantische Bevölkerung und den Einfluss der Domkapitel und der benachbarten Fürstenhäuser aber musste ein Bischofsanwärter evangelisch sein oder ausreichend diesen Eindruck
vermitteln.
Oft waren die Übernahme des Bischofsstuhles und die damit verbundenen Einkünfte fast so schwer wie die Quadratur des Kreises. Die permanenten Versuche des Papstes,
des deutschen Kaisers, der deutschen Fürsten, des Mindener Domkapitels, des Mindener Territorialadels und der Städte, sich politisch und konfessionell durchzusetzen – ab 1633 kam
noch die schwedische Reichsregierung dazu – dauerten bis 1648, bis zum Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück, der den Dreißigjährigen Krieg beendete.
Das
Fürstbistum Minden wurde 1648 im Westfälischen Frieden von Osnabrück als weltliches Fürstentum an den brandenburgischen Kurfürsten übergeben. An die Stelle des bisherigen
bischöflichen Landesherren traten jetzt weltliche brandenburgische Kurfürsten und ab 1701 preußische Könige. Der Mindener Dom St. Petrus et Gorgonius aber blieb mit seinem Domkapital
bis 1810 nominell katholisch und ist bis heute noch immer eine katholische Pfarrei mit einem Dompropst.
Die Stadt Minden selbst war innerhalb des Fürstbistums Minden eine
politisch autonome Territorialstadt, deren Rat schon 1530 eine städtische evangelische Kirchenordnung für die gesamte Bürgerschaft verabschiedet und gleichzeitig ein evangelisches
Gymnasium eingerichtet hatte. Seitdem sind die Bürgerschaft und ihre Pfarrkirchen in der Stadt Minden protestantisch.
Zum städtischen Patriziat des 16./17 Jahrhunderts gehörten
in der Stadt Minden auch die Familien der Eltern von Johannes Wesling. Die Väter und Großväter waren Tuchhändler, Kaufleute, Ratsherren, Senatoren oder Bürgermeister auf Zeit. Beide
Familien waren protestantisch. In der protestantischen Ratskirche St. Martini Minden hängt heute noch ein Epitaph von 1610, auf dem das mütterliche Großelternpaar und dessen
Nachkommen, auch das Enkelkind Johannes Wesling mit seiner Mutter Catarina Wesling, geb. Sobbe, abgebildet sind.
Der Vater des Anatomen Wesling, Hermann Wesling, Dr. iur. utr. der
lutherischen Universität Rostock, war in Stadthagen juristischer Berater des Fürsten Ernst von Holstein-Schaumburg, der seine zehn Kilometer von Minden entfernte Residenz Bückeburg im
Weserrenaissancestil ausbauen ließ. An diesem Hof herrschte das lutherische Bekenntnis. Äußerlich sichtbar wurde dies durch den Bau der evangelischen Stadtkirche in Bückeburg von 1611
bis 1615. Diese Kirche gilt neben der Wolfenbütteler Marienkirche als bedeutendster protestantischer Kirchenbau vor Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648.
Ab 1608 bemühte sich
Dr. Hermann Wesling, der Vater des Anatomen, um den Aufbau einer schaumburgischen Landesuniversität in Stadthagen und wurde ihr erster Rektor. Die evangelischen Universität hatte
zunächst kein Promotionsrecht, das nur durch ein kaiserliches Privileg erreicht werden konnte. Der Kaiser aber war weit weg und katholisch. In dieser Angelegenheit reiste deshalb Hermann
Wesling um 1610 nach Wien zum kaiserlichen Hof. Diese Reise hat eventuell zu den zitierten Irritationen in den biografischen Darstellungen des Sohnes Johannes Wesling
geführt.
Vielleicht hat er als Kind den Vater nach Wien begleitet, studiert hat aber dort nicht, er ist in den Matrikeln der Universität Wien auch nicht nachweisbar. Wenn er den
Vater begleitet haben sollte, wäre er auch dort nicht geblieben, wie ein Eintrag im Schülerverzeichnis des Ratsgymnasiums in Minden von 1611 und seine späteren deutschen und
niederländischen Studienorte beweisen. Die Studienorte Weslings wurden schon genannt.
Johannes Wesling wuchs in einem wohlhabenden Elternhaus auf, in einer Zeit, die
wirtschaftlich als „Blütezeit“ der Stadt Minden bezeichnet werden kann. Das bürgerliche Selbstbewusstsein, das in vielen Inschriften, an Bürgerhäusern, auf Epitaphien und
Grabplatten heute noch sichtbar ist und zu Veränderungen in der Ausstattung der ehemals katholischen, jetzt evangelischen Pfarrkirchen geführt hat, stand unter der protestantischen
Devise „Verbum Domini Manet In Aeternum“. In der Ausgestaltung der Kirchenräume wurden die Stilmerkmale der Renaissance Italiens in der sogenannte Weserrenaissance des 16./17.
Jahrhunderts wieder aufgenommen.
Wir kennen das Geburtshaus Weslings leider nicht. Es muss aber in der Mindener Stadtmitte an der Hohnstraße, an der westlichen Seite des heutigen
Scharn gelegen haben, da dort im 17. Jahrhundert Grundbesitz der Familie nachzuweisen ist. In der Nachbarschaft steht heute noch das Haus der Familie von Campen, das der Mindener
Bürgermeister Thomas von Campen, ein Verwandter der Sobbe/Wesling-Familie 1592 von dem niederländischen Baumeister Johann Robyn im Stil der Weserrenaissance errichten ließ.
Der
Bauherr Thomas von Campen hatte schon 1583 die Messing-Taufe in der Martinikirche gestiftet. Da die Familie Sobbe/Wesling Mitglied der Martini - Kirchengemeinde gewesen ist, ist es sehr
wahrscheinlich, dass Johannes und seine Geschwister mit Wasser aus dieser Taufe getauft worden sind.
Am Anfang der Lebensgeschichte von Johannes Wesling steht Minden – am
Ende seines Lebens aber auch. Als Johannes Wesling im August 1649 in Padua erkrankte und offenbar spürte, dass die Krankheit tödlich verlaufen würde, formulierte er angesichts seines
nahen Todes am 24. August 1649 sein Testament mit dem venetianischen Notar Felix Gutzoni. Dieses Testament wurde aus dem Italienischen in die deutsche Sprache übertragen und nach Minden
versandt, da Johannes Wesling seinen Bruder Georg und die Kinder seiner verstorbener Schwester Anna Bessel, die in Minden lebten, als Nacherben eingesetzt hatte. Sein Bruder war
Stadtkämmerer in Minden.
Im Schulprogramm von 1748 schrieb der damalige Rektor des Mindener Gymnasiums Karl Opitz einen Beitrag über die ehemaligen Schüler Johannes und Georg
Wesling und veröffentlichte darin die deutsche Übersetzung des in italienischer Sprache abgefassten Testaments des ehemaligen Schülers seines Gymnasiums und des späteren Professors in
Padua. Weslings Testament muss also in Minden bekannt gewesen sein.
Als Lebensprinzip für seine Ehefrau „Relingia“ empfiehlt Wesling darin, die Tugenden
„Nüchternheit“ und „Eingezogenheit“ – Sobrietas et Solitudo - zu pflegen, „um die erworbene Ehre und Reputation“ beizubehalten. Genau diese Tugenden nennt
der Historiker Stefan Oswald in seiner Darstellung der deutschen Protestanten in Venedig (Die Inquisition, die Lebenden und die Toten Sigmaringen 1989, S. 31-32) als Grundhaltung der
Mitglieder der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Venedig.
Wenn es so ist, ist Johannes Wesling bis zu seinem Tod in Padua Protestant geblieben. Auch wenn er nach seinem Tod als
Wissenschaftler ein Epitaph in San Antonio erhalten hat, begraben ist er aber wohl nicht im Klostergarten dieser Kirche, sondern vermutlich im Bereich von Santa Sofia oder San Francesco.
Dies muss in Padua noch aus Archivalien der Kirchenarchive erforscht werden, denn die Angaben des Bischofs von Citta nova Jac.Phil. Thomasini, der schon 1654 in Padua verstorben ist, sind
kein historisch verwertbarer und bisher überprüfter Beleg für eine Beisetzung Weslings in San Antonio.
Wesling spricht nämlich in seinem Testament nicht von einer katholischen
Totenmesse, er äußert lediglich einen Wunsch, „in San Antonio geehrt zu werden an einem Ort, welcher ihm aus Gütigkeit der Herren Patrum wird vergönstiget werden“ und fährt
fort: „Ich begehre und will nicht heimlich zum Begräbnis getragen werden, sondern bey Tage, mit allen solemnen Ceremonien, welche pflegen gebraucht zu werden bey denen vornehmsten
Lectoribus und Personen meines Standes.“ Vermutlich vertraute er der venetianischen Liberalität gegenüber Menschen anderer Nationalitäten und Konfessionen.
In den Akten
der „Natio Germanicorum“ der Universität Padua sind unter dem 30. August 1649 sein Tod und seine Bedeutung als Wissenschaftler vermerkt Über „solemne Zeremonien“ wird
nichts erwähnt. Ich zitiere: „30. August [1649 von späterer Hand hinzugefügt] verlor die Universität Padua ihren Anatomen Johannes Wesling Mindanus, der ein vollkommener Redner war,
klares Wissen bei Experimenten in Chirurgie besaß, gewandt war in Anatomie, große Praxis in der Heilkunst besaß und besser war in der Lehre vor allen anderen – wegen all dieser
Sachen bewunderte ihn ganz Europa“.
Dreihundert Jahre nach Weslings Tod äußert sich 1948 Francesco La Cava über den einstigen Gelehrten in Padua, dieser habe die
verschiedenen Lehrstühle der Universität als ein sehr angesehener Mediziner mit großer Erfahrung in Forschung und Lehre inne gehabt, er habe als bedeutender Wissenschaftler
grundlegende Fachliteratur veröffentlicht und sei zudem auch ein Mann von umfassender humanistischer Bildung und mit geistigem Niveau gewesen. La Cava übernimmt die Würdigung der
„Natio Germanica“ und ehrt damit die Lebensleistung eines Wissenschaftlers des 17. Jahrhunderts, einer Zeit, in der man begann, Medizin an den Universitäten auf der Grundlage der
Naturwissenschaften zu lehren.
Johannes Wesling erwies sich dabei als hervorragender akademischer Lehrer, der seine wissenschaftlichen Erkenntnisse vom menschlichen Körper und
dessen Funktionen mit besonderem pädagogischen Geschick weitergab. Sein Lehrbuch „Synatagma Anatomicum“ erreichte vor allem deshalb zahlreiche Auflagen bis zum Ende des 18.
Jahrhunderts, weil das Buch so konzipiert war, dass man danach „lernen“ konnte. Weslings wissenschaftliche Leistung lag in seiner Fähigkeit begründet, naturwissenschaftliche
Vorgänge präzise zu beobachten und zu beschreiben.
Nach mehr als 350 Jahren medizinischer Forschung und Lehre mögen die Leistungen des Mindeners in Padua auf dem Hintergrund des
heutigen Forschungs- und Erkenntnisstandes bescheiden und natürlich veraltet bzw. überholt sein, noch immer aber beginnt ein Medizinstudium für Studenten im Anatomiesaal, den nicht
Vesal, sondern erst Wesling in Padua durchgesetzt und zu einer festen Einrichtung der medizinischen Fakultät in Padua gemacht hat.
Diesen Vortrag
hat Marianne Nordsiek, Minden, anlässlich eines Symposiums zu Johannes Wesling in der Universität Padua gehalten.
[Ausführliche Informationen über das Johannes Wesling
Klinikum Minden finden Sie hier]
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