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Römerlager in Barkhausen entdeckt
In
Porta könnte Varus mit seinen Legionen gelagert haben, bevor ihn die Germanen angriffen
"Wir haben das Schönste gefunden,
was wir uns vorstellen konnten - ein Römerlager", sagt Dr. Daniel Bérenger, stellvertretender Chefarchäologe des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). In einem Neubaugebiet in Barkhausen vermutet er das Weserlager, in dem der römische Feldherr Varus lagerte, bevor er im Jahr 9 nach Christus in die Schlacht gezogen ist.
Am 22. Juli hatten ehrenamtliche Helfer im Bodenaushub des Baugebietes "Auf der Lake" zwei bronzene Münzen und eine Gewandspange aufgespürt. Daraufhin rückten die LWL-Archäologen an, um das Gelände genauer zu untersuchen. "Bislang sind es nicht sehr viele, aber sehr aussagekräftige Funde", sagt LWL-Archäologin Dr. Bettina Tremmel. Neben den Münzen aus augustäischer Zeit wurden ein römischer Mühlstein entdeckt, einige Eisennägel, mit denen die Sohlen der Soldaten-Sandalen beschlagen waren, sowie zwei Blei-Lote, ein Bleigewicht und ein stilisiertes Gesicht, das vermutlich den Henkel einer Bronzekanne zierte.
"Es sind einige Funde dabei, die man mit Legionären in Verbindung bringen kann", erläutert Tremmel. Die Gewandspange sei typisch. Auch der Mühlstein sei ganz klar von Legionären verwendet worden. Sie verweist auf die runde Form, mit einem Loch in der Mitte. "Solche Mühlsteine kannten die Germanen nicht", betont die Archäologin. Die Blei-Lote hätten die Römer benutzt, um ihre Lager zu vermessen. Tremmel datiert die Funde bislang auf das erste Jahrhundert nach Christus, weil in den bislang bekannten römischen Militärlagern an der Lippe aus der selben Zeit ganz ähnliche Fundstücke entdeckt wurden.
Wo kam Varus her, bevor er in die Schlacht zog? Eine Antwort erhofft sich auch Dr. Thomas Otten vom NRW-Bauministerium. Es gebe selten Fundplätze, die schon in so einem kurzen Grabungszeitraum so wichtige Funde hergeben. "Kalkriese ist bislang als Ort der Varus-Schlacht noch nicht widerlegt", sagt Otten. Minden und Hameln würden bereits seit Jahren als Orte des Abmarschlagers diskutiert.
"Topografisch ist dieses Gelände ein Platz, der in die historischen Quellen passt und sich in einer plausiblen Distanz zu Kalkriese befindet", argumentiert Otten. Ein Jahr vor dem 2000. Jubiläum der Varus-Schlacht sei dieser Fund ein wahrer Glücksfall.
Von der Weser aus ins Verderben?
Bereits in 1950er-Jahren wurde in der Nähe gesucht / Glück und Voraussicht führten zum Erfolg
Das Weserlager des Varus
wird seit Jahrzehnten gesucht. Minden und Hameln gelten schon lange als mögliche Orte. Jetzt könnten die Archäologen des Landschaftsverbandes-Westfalen-Lippe (LWL) in Barkhausen fündig geworden sein.
1950 war wenige hundert Meter entfernt eine römische Goldmünze aus dem Boden aufgetaucht. Bereits dieser Fund hatte die Fantasie der Archäologen beflügelt. Einer seiner Vorgänger habe damals sogenannte Prospektionsgräben (Gräben durch das Gelände, um zu sehen, ob sich an bestimmten Stellen Funde häufen) in den Weserwiesen ausheben lassen, berichtet der stellvertretende LWL-Chefarchäologe Dr. Daniel Bérenger. Diese Sondierung damals sei allerdings ergebnislos geblieben.
Neben einer Portion Glück war dieses Mal auch weise Voraussicht im Spiel. "Auf der Lake" in Barkhausen soll gebaut werden - ein Gebiet für generationsübergreifendes Wohnen entsteht. Den Bodenaushub ließ der LWL von ehrenamtlichen Grabungshelfern mit Metallsonden absuchen. Am 22. Juli wurde Vassilios Efstratiadis fündig. Er holte zwei bronzene Münzen, die Fibel (Gewandnadel) und zwei vermutlich keltische Münzen aus der Erde. Der Bankangestellte aus Obernkirchen ist zusammen mit drei Freunden mit einer offiziellen Suchgenehmigung des LWL mit seiner Sonde unterwegs. "Mit so vielen Funden haben wir nicht gerechnet, nicht einmal darauf gehofft", sagt Efstradiadis. Er hat gerade Urlaub und hilft auch jetzt bei der Grabung.
Mit einem Team von 20 Ausgräbern hofft Bérenger in diesem Sommer etwa 2000 Quadratmeter Fläche untersuchen zu können. Das Lager einer Legion mit rund 6000 Soldaten müsste wohl etwa eine Fläche von 16 Hektar umfasst haben, meint der Experte. Unbebaut seien in Porta allerdings nur noch etwa vier Hektar.
Die Grabungen müssten mit Rücksicht auf die Investoren, die Sparkasse Minden-Lübbecke, 2009 deutlich beschleunigt werden. "Das größte Problem ist die Finanzierung der Ausgrabung", sagt Bérenger. Er möchte auf jeden Fall den Verlauf des Befestigungsgrabens des Lagers erkunden. Die LWL-Expertin für römische Archäologie, Dr. Bettina Tremmel, betont: "Barkhausen wäre das am weitesten vom Rhein entfernte Römerlager in Nordrhein-Westfalen."
Portas Bürgermeister Stephan Böhme spricht am Ausgrabungsort von einem "Glücksgefühl über diesen offensichtlich kulturhistorisch bedeutsamen Platz". Neben dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal und der Kreuzkirche an der Wittekindsburg sei dies wiederum ein "richtiges Highlight" für Porta.
"Wir werden überlegen müssen, wie wir für die interessierte Öffentlichkeit diesen bedeutenden Fund in die Stadt integrieren", meint der Bürgermeister. An die Adresse des neben ihm stehenden Vertreters der Kreisverwaltung, Hartmut Heinen, fordert er: "Für 2009 müssen Kreis und Stadt gemeinsam etwas auf den Weg bringen." Mit Blick auf die Ausgrabungen spricht der Bürgermeister allerdings auch von einem "gewissen Zielkonflikt": "Das Lager zu erforschen hat Vorrang. Aber auch die Investoren wollen vorankommen. Ich hoffe, dass wir das im Dialog mit allen Beteiligten hinbekommen."
Mit den Bauarbeitern steht allerdings auch die Archäologin Hannelore Kröger in ständigem Kontakt. An welchen Stellen zuerst gegraben wird hat sie mit der Bauleitung abgesprochen und auch, wo die Archäologen den Bodenaushub ablagern können, sodass er nicht behindert. Kröger hat wenige Zentimeter unter der Grasnarbe schwarze Verfärbungen im Boden entdeckt. In der Nähe solcher Verfärbungen wurde auch das Fragment eines Mühlsteins gefunden, darum deutet sie die Verfärbungen als Spuren von Holzkohlefeuern. Auch ein Gebäude-pfosten sei bereits gefunden worden. Aus welcher Zeit der stamme, sei allerdings noch nicht klar. "Unser Ziel ist zunächst, Funde zu sichern und bauliche Strukturen zu finden", erläutert Kröger.
Neben den Bauarbeitern haben die LWL-Archäologen auch bereits die Anwohner über den bedeutenden Fund informiert. Sie seien aufgefordert, illegale Ausgrabungen auf dem Gelände sofort zu melden, berichtet Thomas Otten (NRW-Bauministerium). Denn viel gravierender für die Archäologen ist neben dem relativ geringen materiellen Schaden vor allem die mögliche Zerstörung von Fundzusammenhängen. "Wir werden das Gelände so markieren, dass jeder weiß, was er hier tut", kündigt Otten an.
Auf die Frage, ob das Lager nicht ein bisschen zu weit von der Weser entfernt liegt, sagt Bérenger: "Wäre ich Varus, hätte ich auch hier gewohnt." Er weist auf die "theatralische Kulisse" des Bergeinschnitts. Kröger ergänzt, dass wenige hundert Meter entfernt eine alte Weserfurt liege. Während die Soldaten in Zelten übernachteten, habe der Feldherr Varus sicherlich in einem festen Gebäude gewohnt. Dessen Spuren hofft er zu finden.
In die sehr emotional geführte Debatte, ob die Varus-Schlacht nun bei Kalkriese stattfand oder vielleicht doch in Lippe, will er sich nicht ziehen lassen. "Die Varus-Schlacht hat mich nie interessiert. Die Strategie vor dem Kollaps ist viel wichtiger als die Schlacht selbst", sagt der Archäologe.
Texte von Ursula Koch (Mindener Tageblatt)
Mit der Goldmünze wurde aus einer Spur eine heiße Spur
Kombination des Fundes von
1950 mit den aktuellen Entdeckungen spricht für ein festes Lager der Römer an der Weser
Schon 1950 sorgte die augustäische Goldmünze,
die in Barkhausen gefunden worden war, unter Historikern für Aufsehen. Nachdem Ende Juli nur 150 Meter vom alten Fundplatz entfernt weitere augustäische Münzen entdeckt wurden, steht für Dr. Daniel Bérenger fest, dass sich in Barkhausen das lange gesuchte Sommerlager des Varus befand.
"Solche Goldmünzen kommen in Westfalen sehr selten vor und offensichtlich nur in militärischem Zusammenhang", erläutert der stellvertretende Chefarchäologe des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Mit der Kombination der gefundenen Mühlstein-Fragmente, der Gewandnadel und den Münzen sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich dort nicht nur ein Lager für eine Nacht befand. Mit seinem Team untersucht Bérenger deshalb das Baugebiet Auf der Lake.
Den Zusammenhang herzustellen, war allerdings nicht ganz einfach. "Die Goldmünze ist damals zwar dokumentiert worden, war aber nicht in unserer Datenbank zu finden", erläutert Bérenger. Er habe sich lediglich vage erinnern können, dass da mal etwas war. Seine Recherche ergab, wie dicht der Fundplatz Alter Postweg 60 aus dem Jahr 1950 bei dem aktuellen Ausgrabungsgelände liegt. Aus der Spur wurde eine heiße Spur.
"Von den Goldmünzen des Augustus sind in Westfalen keine zehn gefunden worden", bestätigt Dr. Peter Ilisch, der Landes-Numismatiker für Westfalen. In den ausgegrabenen Römerlagern Haltern und Oberaden seien keine Goldmünzen gefunden worden, unterstreicht er die Besonderheit. Auch rund um Detmold seien keine Goldmünzen gefunden und überhaupt nur wenige Münzen aus der Zeit des Augustus, berichtet Ilisch. In Kalkriese dagegen seien etwa ein Dutzend Goldmünzen aus augustäischer Zeit entdeckt worden. "Das hat frühzeitig die Aufmerksamkeit auf diesen Ort gezogen", erläutert er.
Eine Goldmünze habe in damaliger Zeit ein beträchtliches Vermögen dargestellt, so der Experte. Sie stamme darum wohl eher aus dem Kreis der Offiziere. Bislang gäbe es keine Anzeichen dafür, dass solche Goldmünzen in germanischem Besitz waren. Auch sei es unwahrscheinlich, dass ein solches Stück nach dem Jahr neun nach Christus nach Porta Westfalica gelangt sei. In der Kombination mit den neuen Funden deute die Goldmünze darauf hin, dass sich in Barkhausen ein römisches Militärlager befunden haben könne, meint Ilisch. Zumal vor einigen Jahren unweit von Barkhausen auf Mindener Gebiet auch eine gefälschte Silbermünze aus augustäischer Zeit entdeckt wurde. "In römischen Militärlagern war etwa zu zehn Prozent Falschgeld im Umlauf", erläutert Ilisch.
Die Goldmünze befindet sich seit dem Jahr 1950 in Privatbesitz. Die Geschichte des Fundes berichtete der damalige Museumsleiter Otto-Kurt Laag 1954 in den Mindener Heimatblättern. Er war von einem Uhrmacher auf das antike Stück aufmerksam gemacht worden und machte sich auf die Suche nach dem Besitzer. Aber Befragungen in Meißen, Neesen und Barkhausen blieben ohne Hinweis. Auch Laag kam ein Zufall zu Hilfe: Als er am Scharn eine Baugrube auf historische Silbermünzen untersuchte, erwähnte einer der Bauarbeiter, dass er in seinem Garten eine Goldmünze gefunden habe, die er an einen Goldschmied verkauft hätte. So war zwar der Fundzusammenhang zerstört, aber immerhin der Fundort überliefert.
Am Berg entlang ins Verderben marschiert?
An der Porta könnten einst Römer gelagert haben, doch noch ist vieles bloße Spekulation /
"Stehen ganz am Anfang"
Hans Rösler hält sich mit aufsehenerregenden
Spekulationen zurück. Er formuliert lieber im Konjunktiv. "Es könnte sich hierbei um ein Sommerlager der Römer handeln", sagt der Barkhauser Heimatpfleger, während er den Archäologen bei der Arbeit zusieht.
Ob der berühmte römische Feldherr Varus in Barkhausen sein Weserlager aufgeschlagen hatte, bevor er mit seinen Legionen in den Untergang zog, müssten weitere Funde zeigen, fügt Rösler hinzu. Für solche Aussagen sei es viel zu früh, ergänzt Dr. Werner Best, Archäologe des Landschaftsverbandes. Nach den Entdeckungen im Juli seien weitere spektakuläre Funde bislang ausgeblieben. "Wir stehen ganz am Anfang und müssen erst einmal unsere Arbeit machen." Bis November wollen die Archäologen die Grabungsstelle im Baugebiet "Auf der Lake" unter die Lupe nehmen. Fundstücke wie Gewandspange, Mühlstein und Bleilote nähren die Vermutung, dass hier einst Römer ihre Zelte aufgeschlagen haben.
Hans Rösler hält es durchaus für denkbar, dass Varus vor der entscheidenden Schlacht im Jahre 9 nach Christus hier Station gemacht hat. "Wenn es stimmt, dass diese Schlacht in Kalkriese stattgefunden hat, wäre dies hier ein guter Ausgangspunkt gewesen." Der Grund: Die Legionen hätten zwischen dem Sumpfgebiet im Norden und dem Berg im Süden praktisch am Hang entlang in Richtung Westen losmarschieren können.
Dass die alten Römer einst durch das heutige Barkhausen gezogen sind, ist für den Heimatpfleger keine Neuigkeit. Anwohner haben nach Bauarbeiten immer wieder mal von entsprechenden Funden berichtet. Und als Rösler vor drei Wochen davon erfuhr, dass Auf der Lake alte Münzen entdeckt wurden, glaubte er zunächst, dass es sich wieder um Gegenstände handelt, die auf einen Durchzug der Römer hinweisen. Mit weiteren Funden wie dem Mühlstein rechnete er nicht.
Gleichwohl hatte es bereits vorsichtige Hinweise auf ein mögliches Römerlager an der Porta gegeben. In der aktuellen Barkhauser Chronik von Fritz W. Franzmeyer ist davon auf Seite 27 in einer Fußnote die Rede. Möglicherweise wird in einer nächsten Auflage der Chronik aus einer Fußnote ein ganzes Kapitel.
Doch auch das ist Spekulation. Sicher ist hingegen, dass Hans Rösler eine Veranstaltung plant, in der Archäologen interessierten Bürgern die Funde und ihre Bedeutung erläutern. Vermutlich wird das im Herbst geschehen.
Zudem überlegt der Barkhauser Heimatpfleger, ob die Bezeichnung für die neue Straße, die durchs Baugebiet führt, geändert werden muss. Alten Flurkarten entsprechend soll die Straße "Auf dem Lohope" heißen. Eventuell bietet sich etwas Besseres an, sollten sich die Hinweise auf ein Römerlager verdichten.
Derweil setzen die Archäologen ihre Arbeit fort. Es ist eher ein vorsichtiges Schaben als ein Graben. Best betrachtet eine schwarze Verfärbung im Erdreich. "Befund" sagen Archäologen sagen dazu. "Hier hat mal etwas gebrannt.". Ein Ofen könnte dort gestanden haben oder Holzpfähle von Häusern, die später abbrannten.
Einige der mutmaßlichen Pfähle wären allerdings "falsch" ausgerichtet. Denn die Anordnung von Südwest nach Nordost spräche eher für Bauten germanischen Ursprungs als für die Römerlager-Hypothese. Doch auch für solche Spekulationen ist es den Wissenschaftlern viel zu früh.
Texte: Ursula Koch, Dirk Haunhorst (Mindener Tageblatt)
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