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Von Kantonisten, Urlaubern und Geworbenen
Wie das Militärsystem des 18. Jahrhunderts die männliche Bevölkerung erfasste
Von Martin Steffen
Die preußischen Staaten
zwischen Kleve und Königsberg hatten 1740 kaum 2,5 Millionen Einwohner - und bereits 80 000 Soldaten. Vierzig Jahre später waren es 195 000 Mann bei knapp 6 Millionen Einwohnern.
Militär, Wirtschaft und Verwaltung waren eng miteinander verzahnt und Minden als Garnison ein Element dieses Militärstaates im Westen. Militärische Rüstung war aus der Sicht der preußischen Könige eine Überlebensstrategie. Ihr Besitz war weitverstreut, eine große Armee sollte ihn absichern. Zum anderen konnte der König mit der Armee auch im Inneren Adel und Ständen zeigen, wer letztlich Herr im Hause war.
Woher stammten die Soldaten? Brandenburgisch-preußische Truppen hatten sich ursprünglich aus im Inland und Ausland Geworbenen rekrutiert. Ausländer waren geworben worden, weil die Arbeitskraft der Untertanen auf dem Land benötigt wurde. Die einzelnen Regimenter hatten sich selbst um Nachwuchs "bemüht" und griffen bei der Werbung oft zu nackter Gewalt.
Auch bei der Feldarbeit trug der Kantonist ein Uniformstück.
Kantone waren dagegen nach 1733 fest zugewiesene Bezirke in denen die männliche Landbevölkerung in frühem Alter
"enrolliert" und ihrem späteren Regiment zugeteilt wurden. Dieses Modell sorgte für etwas geregeltere Verhältnisse: Nach der Konfirmation oder Kommunion wurden die "Enrollierten"
vereidigt. Zwischen dem 18 und 20. Lebensjahr wurden die Kantonisten dann zum Dienst herangezogen, der theoretisch lebenslang andauerte. Tatsächlich dienten sie nach der höchstens zweijährigen
Ausbildung nur in der Zeit zwischen Aussaat und Ernte und waren ansonsten "Urlauber".
So wurde ihre Rolle in der Landwirtschaft im Frieden nicht geschmälert, während der Krone die
Unterbringung der Truppe erleichtert wurde und sie im Krieg auf ausgebildete Reservisten zurückgreifen konnte.
Das Kantonsystem war keine umfassende Wehrpflicht: Angehörigen bestimmter Gewerbe
in Stadt und Land waren vom Militär befreit. So wurden Textilarbeiter und Binnenschiffer so dringend gebraucht, dass das Militär auf sie verzichten konnte. Auch angehende Theologen und Beamte oder
verheiratete Bauern waren befreit. Letzteres war wohl ein Grund, weshalb auch im Mindener Land immer wieder junge Männer auffällig früh heirateten - zum Missfallen der Behörden, wie der frühere
Stadtarchivdirektor Dr. Hans Nordsiek in seinem Buch "Getreue Unterthanen" über das Fürstentum Minden im 18. Jahrhundert belegt.
Zwangsweise Rekrutierungen und Werbungen in den
Städten kamen auch zu Zeiten des Kantonsystems im Fürstentum Minden immer wieder vor - weshalb manche jungen Männer im entsprechenden Alter Richtung Holland zu gelangen versuchten. Zwangswerbungen
waren zwar verboten, und die Offiziere wurden vermahnt. Mit der Durchsetzung des Verbotes schien es aber dem Staat nicht zu ernst zu sein . . . "Man darf hier auch den europäischen
Zeitzusammenhang nicht aus den Augen verlieren", meint Gerhard Althaus: "So hat die britische Marine ihr Personal mit regelrechten "press-gangs" aus den Kneipen
verschleppt."
Arbeitende Stadtbewohner brauchten keinen Militärdienst zu leisten. Sie kamen dennoch auf engste Tuchfühlung mit den Uniformierten. Weil angemessene Kasernenbauten fehlten,
wurden Soldaten in den Häusern der Stadtbürger einquartiert. Das steigerte in einer eng ummauerten Stadt wie Minden nicht gerade die Beliebtheit des Militärs, auch nicht, nachdem ein Teil der Truppen
in Lübbecke untergebracht wurde.
Hinzu kam, dass die Einquartierten den Mindenern oft fremd waren: neben den Kantonisten dienen in jedem Regiment geworbene "Ausländer", um die
Sollstärke zu erreichen. "Der Begriff ist allerdings irreführend", sagt Gerhard Althaus: "Als Ausländer galt jeder Soldat, der nicht aus dem Kanton stammte", erläutert der
Mitarbeiter des Preußen-Museums Nordrhein-Westfalen.
Söldner aus Europa, vor allem aber Untertanen anderer deutscher Fürsten bilden nach 1740 im Mindener Füsilierregiment Wied zu Neuwied Nr.
41 fast die Hälfte der Mannschaft. Darunter sind viele Württemberger. Denn dort wurde das Regiment 1716 aufgestellt und stand bis 1739 im Dienst des Kaisers in Wien, bevor es preußisch wurde und über
die Festung Wesel nach Minden gelangte.
Missbilligt wurde die Anwesenheit der Soldaten auch von manchen Zünften der Handwerker und manchen Kaufleuten: Die Söldner mussten anders als die
Kantonisten das ganze Jahr bei ihrem Regiment bleiben. Um ihren Sold aufzubessern, arbeiteten viele als Handwerker oder in den Berufen, die sie vor der Militärzeit erlernt hatten.
Das Mindener
Regiment war wie alle Einheiten der preußischen Armee zugleich ein Wirtschaftsunternehmen. Jedem Kompaniechef standen Mittel für Ausstattung und Sold zur Verfügung. Mit einem Teil konnte er bei etwas
Geschick auch zum eigenen Vorteil wirtschaften. Bestimmte Anschaffungen waren planwirtschaftlich vorgeschrieben. So war festgelegt, in welchen Abständen von welchem Hersteller welche Mengen
Uniformstoff bezogen werden mussten.
Im Krieg sollten die Fußtruppen ihren Gegner frontal angreifen und sie dabei unter möglichst heftiges Feuer nehmen. Schnelles Laden, Spannen und Schießen
war das Hauptziel der Ausbildung. Dieses konzentriertes Feuern mussten die Soldaten durch harten Drill einüben.
Prügel als "Erziehungsmittel" waren bei den Preußen auf der
Tagesordnung - nicht anders als bei anderen Armeen auch. Gewalttätigkeiten und das unausgesetzte Üben derselben Handgriffe ließen gelegentlich Dienstpflichtigen zum "unsicheren Kantonisten"
werden und desertieren.
Dass die Masse der heimischen Soldaten sich in ihr Schicksal fügte und in Krieg und Frieden beim Regiment blieben, hatte verschiedene Gründe. Ein Faktor dürfte sicher
die Furcht vor Strafen und den Vorgesetzten gewesen sein. Damit allein lässt sich der Zusammenhalt des Militärs aber nicht erklären. Gerade im Westen hätten die Kantonisten ohne große Mühe "über
die Wupper gehen" können: Grenzen lagen in Minden und Ravensberg nah genug. Daran hinderte auch die Pflicht der "Urlauber" zum Tragen eines Uniformstückes nichts. Zum einen, weil der
Deserteur es schnell hätte ablegen können. "Tatsächlich war das Uniformstück gar nicht unwillkommen", erklärt Gerhad Althaus: Alle 15 Monate musste der Staat dem beurlaubten Kantonisten
einen neuen Rock stellen, der dann aufgetragen werden konnte. Mit der Produktion der Röcke griff der Staat den Wollwebern unter die Arme: Wirtschaftsförderung im Absolutismus.
Für den
Kantonisten habe sich etwas anderes bezahlt gemacht, so Gerhard Althaus. Durch die Uniform sei deutlich geworden, dass der Kantonist dem Regiment auch juristisch unterstand und nicht ausschließlich
seinem adeligen Grundherrn. Bei aller Härte sei die militärische Unterstellung zumindest klar umrissen gewesen, Verbotenes und Erlaubtes war schriftlich festgehalten.
Das Kantonsystem habe so
die Macht des grundbesitzenden Adels über die abhängige Landbevölkerung begrenzt. Der Landadel stellte wiederum die Offiziere, die allerdings nicht in den Regimentern ihrer Kantonisten dienten,
sondern in anderen Landesteilen stationiert waren, um Übergriffen und Korruption vorzubeugen.
Trotz aller Härten des militärischen Dienstes dürften sich viele Kantonisten mit der Armee
identifiziert haben, in der sie obendrein meist mit Nachbarn, Bekannten und Verwandten aus dem Heimatort Dienst leisteten. Dass manche den blauen Rock fast schon als Freibrief verstanden zu haben
scheinen, zeigt der Befehl eines Bielefelder Regimentskommandeurs 1763. Er nennt eine Reihe von Vorwürfen gegen die "Urlauber". Genannt werden allerlei Vergehen: von allgemeiner
Aufsässigkeit gegen Vertreter der Obrigkeit bis zum Kauf zollfreier Waren jenseits der preußischen Grenzen und dem "Einschleppen fremder Biere und Branntweine". Die Beurlaubten sollen sich
"ihrer Unterthanen Pflicht und Schuldigkeit zu erinnern", gedroht wird bei weiteren Verstößen mit "Spiesruthen" und Urlaubsentzug.
[3. Teil der Preußen-Serie]
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