|
Der Gang zu den Kranken - mit dem Versehkreuz
Dom
und Petrus als Abbildungen auf dem Kreuz
Von Propst i. R. Paul Jakobi
Immer hat die Kirche es als ihre christliche Aufgabe angesehen, die am Rande der
Gesellschaft lebenden Menschen in die Mitte zu holen. Der unverdächtige, kirchenkritische Schriftsteller Heinrich Böll hat dieses Interesse der Kirche mit den Worten belegt: ”Selbst
die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es hier Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und
Schwache. Und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe für die, die der heidnischen und gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen.”
Die Kirche hat Spitäler,
Siechenheime, Hospize, Krankenhäuser und Altenheime gebaut; sie hat zudem Pflegeorden gegründet und karitative Einrichtungen geschaffen, um den Menschen an der Schwelle ihres Lebens, in
Situationen von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, Gottes heilende Nähe zu vermitteln. Jesus hat immer Seele und Leib ernst genommen. Er hat Worte der Zuwendung, des Trostes und der
Hoffnung gesprochen; er hat aber auch die Menschen berührt, ihnen seine Hände aufgelegt, sie umarmt und gestreichelt.
Auch der Leib des Menschen schreit nach Erlösung. Mit vielen
Heilungswundern hat er auf diese Not reagiert. Die heilende Nähe Gottes sollte den Kranken aber nicht nur von Jesus allein, sondern auch von den Aposteln und ihren Nachfolgern vermittelt
werden. So hat er seinen Jüngern den Auftrag gegeben: ”Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen! ... Durch die, die zum Glauben gekommen sind,
werden folgende Zeichen geschehen: ... die Kranken, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden” (Mk 16,15-18).
Der Evangelist Markus bestätigt an anderer Stelle:
”Die Apostel salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie” (Mk 6,13). Im Anschluss an diese Texte und an ein Wort des Apostels Jakobus hat die Kirche diesen wichtigen Dienst
sogar zu einem Sakrament erhoben. ”Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl
salben. Das gläubige Gebet wird den Kranken retten, und der Herr wird ihn aufrichten, und wenn er Sünden begangen hat, wird ihm vergeben” (Jak 5,14f.).
Drei Elemente werden
verlangt: das gläubige Gebet, die Handauflegung und die Salbung mit heiligem Öl. Leider wurde dieses wichtige Sakrament in der karolingischen Zeit bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil als
Sterbesakrament verstanden und daher ”Letzte Ölung” genannt. Erst das Konzil (1962-1965) hat es wieder auf seinen Ursprung als Krankensalbung zurückgeführt.
Für die
erforderlichen Utensilien - Ölgefäß, Stola, Hostienbehälter und Wattebausch - brauchte der ”Älteste” eine Tasche oder ein Versehkreuz. Zwei wertvolle Versehkreuze befinden
sich in der Schatzkammer des Mindener Domes. Sie wurden bei dem Gang zu den Kranken an einer Schnur um den Hals getragen, wie die oben angebrachten Ringe zeigen.
Auf dem einen
Versehkreuz aus dem Jahre 1789 - so die Aufschrift - ist in der Mitte der Dom und der hl. Petrus mit Tiara und Buch, Schlüssel und Kreuz eingraviert. Diese Abbildung befindet sich unter
einem Baldachin von kleinen Kreuzen. Daneben steht geschrieben: ”Dohm Capitul zu Minden”. Auf der Anhängeröse sind zwei Stempel eingeschlagen: Die überkreuzten Schlüssel von
Minden und die Meistermarke S. Sie ist ein Hinweis auf den Goldschmied Georg Anton Schöne, der zwar in Altona geboren wurde, aber in Minden gearbeitet hat.
An den Rändern des
Versehkreuzes ist ein Zackenfries eingraviert. Auf der Vorderseite wurde ein Kruzifix angebracht. Das breitwandige Versehkreuz mit den geschwungenen gleichlangen Armen ist wie ein Deckel
zu öffnen, um die heiligen Geräte herausnehmen zu können.
Das andere Versehkreuz wurde bisher ins 15. Jahrhundert datiert; allerdings spricht der barocke Stil eher für eine
Datierung um 1800. Auch dieses Gefäß ist silber-vergoldet. Die Kreuzarme über einem ovalen Fuß sind aufgewölbt, um Hostien aufnehmen zu können. Vorder- und Rückseite sind in der Mitte
unterschiedlich gestaltet. Auf der einen Seite ist in einem Medaillon ein kreuzbekröntes Christusmonogramm (IHS) abgebildet; die andere Seite ziert eine von Strahlen umgebene Monstranz
mit dem Christusmonogramm und einer umlaufenden Inschrift, die auf das Allerheiligste hinweist.
An den Enden der Querarme sitzen rote Steine in einer Rosette. Der Tragering ist an
vier Blättern befestigt. Am unteren Kreuzende befinden sich zwei Haken zum Öffnen des Gefäßes.
Jeder Seelsorger wird bestätigen, dass viele Kranke nach dem Empfang der Heiligen
Kommunion und der Krankensalbung Trost im Leid und Ermutigung zum Leben gefunden haben. Sie haben die heilende Nähe Gottes gespürt und ihr Schicksal in seine Hände gelegt.
[Nächstes Objekt im Mindener Domschatz: Die Pieta]
|