|
Schauend kommunizieren
Die
Reliquienmonstranz ist Vorläufer der Hostienmonstranz
Von Propst i. R. Paul Jakobi
”Es ist der große Schmerz des Menschen, der mit der Kindheit
beginnt und bis zum Tode währt, dass Schauen und Essen zwei verschiedene Tätigkeiten sind. Die ewige Seligkeit ist ein Zustand, in dem Schauen Essen ist.”
Diese tiefsinnige
Notiz stammt von Simone Weil. Tatsächlich spricht die Theologie - natürlich in irdischen Vorstellungen - von der “visio beatifica” in der Ewigkeit, von der glückseligen
Anschauung Gottes. Schon aus unserem jetzigen Lebensbereich wissen wir um die Bedeutung von Augenkontakten oder von Augen-Blicken. ”Ich schaue dich mit Freuden an”, singen wir
in einem Kirchenlied. Aber alles Schauen soll sinnenhaft und leiblich geerdet sein - im Essen und Trinken. Wir möchten mit den Augen essen. Es ist auffällig, dass Jesus im Zusammenhang
mit dem Reiche Gottes oft vom Gastmahl gesprochen hat.
Das Geheimnis von Schauen und Essen wird in der Hostienmonstranz ins Bild gehoben. In der mittelalterlichen Mystik, als diese
Form der Anbetung aufkam, wollten die Gläubigen schauend kommunizieren. Auf dieser Erde aber bleibt die Vorläufigkeit bestehen, wie der ewige Anblick von Verliebten, die sich nicht satt
sehen können. Die Hostienmonstranz hat ihren Vorläufer in der Reliquienmonstranz.
Auch die Reliquien von Heiligen wurden in einem solchen Zeigegefäß angeschaut. Aber sie wurden
nicht angebetet, sondern verehrt, sie wurden ausgestellt, aber nicht mit dem Verlangen des Essens. Insofern überragt die religiöse Bedeutung der Hostienmonstranz die der
Reliquienmonstranz um ein Unendliches. In der Schatzkammer befindet sich eine mittelalterliche Reliquienmonstranz. Sie ist Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts im Rheinland oder
Westfalen, vielleicht auch in Süddeutschland entstanden. Aus einem 1895 gemachten Foto ist zu ersehen, dass im Glaszylinder ein Schriftstück mit einer bruchstückhaften Inschrift lag, die
auf einen Märtyrer hingewiesen hat.
Die Monstranz, die wie ein Turm aufgebaut ist und deshalb auch als Turmmonstranz bezeichnet wird, ist aus Kupfer gegossen und war ehemals
vergoldet. Ursprünglich stand auf dem Turm ein Kruzifix, das verloren gegangen ist. Über dem schlichten Sechspassfuß befindet sich in der Mitte des Schaftes ein flacher Nodus mit einer
sechseckigen Grundform. Der Glaszylinder ist unten und oben schmuckvoll eingefasst und wird von einer Krone aus Lilien abgeschlossen. Neben dem zylindrischen Ostensorium sind gotische
Bauelemente angebracht: Strebebögen, Fialen, Krabben und stilisierte Tierköpfe.
Eine zweite Reliquienmonstranz der Schatzkammer stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Sie ist
aus versilbertem Messing und teilweise vergoldet. Eine Reliquie ist nicht mehr vorhanden. Der aufgewölbte ovale Fuß trägt ornamentalen Schmuck. Auf dem Knauf ist eine Muschel erkennbar.
Der Strahlenkranz wird von einem Schaft getragen, der abstehendes und herunterhängendes Blattwerk aufweist. Ein Kreuz auf der Spitze bildet zwischen den vergoldeten Strahlen den
Abschluss. Um das durchsichtige Reliquiengefäß herum ist ein weiterer kleiner Strahlenkranz aus Kupfer mit floralen Elementen gelegt. Auf der Kapselrückseite wurde eine Möglichkeit zum
Öffnen des Gefäßes geschaffen. Wegen der angebrachten Strahlen wird dieses Reliquienostensorium auch Sonnenmonstranz genannt.
[Nächstes Objekt im Mindener Domschatz: Das Versehkreuz]
|