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Starkes Symbol mit tiefer Aussagekraft
“Mindener
Leuchter” aus dem Kloster Helmershausen?
Von Propst i.R. Paul Jakobi
Das Licht, vor allem das der Kerze, spielt in der Liturgie der Kirche eine große
Rolle. Die mittelalterlichen Kirchen besaßen kein elektrisches Licht, mit dem sie hätten erleuchtet werden können.
Am Tage wurden die Gotteshäuser von der Sonne, in den Nächten von
den Kerzen erhellt. Da die Kirchen in früheren Zeiten zudem auch unbeheizt waren, sollte das Licht der Kerzen wenigstens etwas Wärme in den Raum strahlen. In den Abend- und Nachtstunden
benötigten die Gottesdienstteilnehmer den Kerzenschein nicht zum Lesen, sondern zur Orientierung.
Die Gläubigen verfügten nicht über Bücher mit Liedern und Gebeten; diese waren
auswendig gelernt und konnten somit im Gottesdienst mitgesprochen und mitgebetet werden. Nur der Priester am Altar, der sich der liturgischen Bücher bedienen musste, war zum Lesen auf die
brennende Kerze angewiesen.
Zu allen Zeiten aber hat das Licht noch eine tiefere, symbolische Bedeutung gehabt. Es steht für etwas Großes und Unfassbares. Darum wurde die hellste
Lichtquelle, die Sonne, gern mit Gott verglichen oder gar mit ihm gleichgesetzt. Viele Heiden nannten ihren Gott “sol invictus“, die unbesiegte Sonne. Auch wir Christen
bringen die Sonne gern mit Gott in Verbindung, etwa wenn wir von der Sonne Gottes sprechen oder der heilige Johannes schreibt: “Das Licht leuchtet in der Finsternis“ (Joh
1,5). Jesus selbst hat bedeutsame Aussagen über das Licht gemacht: “Ich bin das Licht der Welt“ ( Joh 8.12 ); er hat sogar seine Apostel und alle, die ihm folgten, mit dem
Licht verglichen und gesagt: “Ihr seid das Licht der Welt“ ( Mt 5,14).
So ist es nicht verwunderlich, dass die Künstler Licht- und Kerzenträger geschaffen haben, die
sich durch ihre künstlerische Qualität und Kostbarkeit dem Licht würdig erweisen sollten. Gerade die Kerze ist ein starkes Symbol mit einer tiefen Aussagekraft. Sie steht für Christus,
der sein Leben für die Welt und die Menschen hingegeben und ihnen dadurch Heil und Rettung gebracht hat. Sie steht auch für Liebe überhaupt; denn wenn Menschen für andere da sind
(Bonhoeffer), sich selbst zurücknehmen und für andere in Dienst gehen, um sie glücklich zu machen, dann verzehren sie sich selbst; aus diesem Verzicht können Kranke und Schwache Kraft und
Leben schöpfen. Das ist der Dienst der Kerze. Darum brennt in den Gottesdiensten aller christlichen Kirchen nicht das tote, elektrische Licht auf den Altären, sondern die lebendige
Kerzenflamme mit ihrer symbolischen Aussage.
Wenn die Kerzen demnach einen so hohen und aussagestarken Rang haben, dann sollen sie auch auf kostbaren Leuchtern stehen. Das ist der
theologische Hintergrund für die Kerzenträger, die im Laufe der Kunstgeschichte in vielfachen Varianten geschaffen wurden. In der Mindener Schatzkammer befinden sich zwei wertvolle
Leuchterpaare, die aus der Zeit um 1120 und 1150 stammen. Obwohl sie sich ähnlich sind, können sie doch aus verschiedenen Werkstätten kommen. Mit ziemlicher Sicherheit hat in Minden eine
Werkstatt bestanden, in der solche Leuchter gearbeitet wurden. Die 37 heute noch existierenden Kerzenhalter sind unter dem Namen “Mindener Leuchter“ bekannt. Ein wertvolles
Leuchterpaar, das wahrscheinlich auch aus der Mindener Werkstatt stammt, befindet sich auch in der Mindener St. Martinikirche.
Trotz der Bezeichnung “Mindener Leuchter“
wird nach neueren Erkenntnissen vermutet, dass zumindest die ältesten Exemplare aus der berühmten Werkstatt des Klosters Helmershausen stammen, zu dem das damalige Bistum Minden enge
Beziehungen unterhielt. Die Leuchterpaare sind aus Bronze gegossen; Goldspuren weisen daraufhin, dass sie früher vergoldet waren. Sie stehen jeweils auf drei Klauenfüßen; oberhalb dieser
Klauen treten Drachen- oder Löwenköpfe hervor, die Kugeln in ihrem Maul tragen. Drachen verkörpern in der christlichen Ikonographie das Böse. Sie werden an verschiedenen Stellen der
Bibel, vor allem in der Geheimen Offenbarung, genannt: “Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot. Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom
Himmel“ ( Offb 12,3 ). “Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen“ ( Offb 12.7).
In der
Heiligengeschichte wird auch der heilige Georg als Drachentöter genannt. Nachdem der Drache überwunden war, konnte der Psalmist sagen: “Du trittst auf Löwen und Drachen“ (
Psalm 91,13). In der christlichen Kunst wurde aber das Böse nicht nur besiegt, sondern auch für das Heilige in Dienst genommen. Auch das Böse muss Gott dienen; darum werden Drachen in
Kerzenleuchter eingearbeitet. Der Drache, der das Feuer des Todes ausspeien wollte, muss nun das Licht des Lebens tragen. Mit der Kugel im Maul ist ihm jede todbringende, feuerspeiende
Kraft genommen.
Der Leuchterfuß geht in eine zylindrische Form über, auf der sich nach einem Knauf und einem Teller für das Wachs ein hoher, spitzer Dorn befindet. Das andere,
wahrscheinlich etwas jüngere Leuchterpaar, ist schlichter gearbeitet. Alle Leuchter sind Ausdruck unserer Sehnsucht nach dem unwiderstehlichen Licht, ohne das wir im Ungewissen leben
müssen. Wir brauchen lebende Lichter - Kerzen oder Menschen -, an denen wir uns entzünden können. So wie Christa Peikert-Flaspöhler schreibt: “Wir sehnen auf den rätselhaften
Wegen uns nach der Tröstung sanfter, warmer Lichter.”
[Nächstes Objekt des Domschatzes: Siegel zeugen von Echtheit]
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