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Anna - zu dritt
Plastik aus dem 15. Jahrhundert zeigt Jesus, seine Mutter Maria und ihre Mutter Anna
Von Propst i. R. Paul Jakobi
Die beiden letzten Mariendogmen
der katholischen Kirche über Maria, der unbefleckt empfangenen (1854) und der in die himmlische Herrlichkeit aufgenommenen Gottesmutter (1950) sind nicht nur bei evangelischen, sondern auch bei katholischen Christen auf Unverständnis und oft auch auf Ablehnung gestoßen. Die Missverständnisse sind so groß und unausrottbar, dass der evangelische Theologe Kurt Marti in seinem Gedicht „Und Maria“ beschreibt, wie Maria aus den Bildern tritt, die sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt haben.
Ein Dogma ist nicht die plötzliche Erfindung eines Papstes, sondern die Definition einer Wahrheit, der eine lange Geschichte vorausgeht. Es ist auch nicht
eine neue Lehre, sondern ein Glaubensgegenstand, der in eine feste Form gegossen wird. Zum leichteren Verständnis könnte man den christlichen Wahrheitsschatz mit einem Barren Gold
vergleichen, aus dem etwas genommen wird, um daraus Münzen zu prägen. Der Inhalt der Münzen bleibt derselbe; aber sie bekommen eine präzise Form.
Bei dem Kunstgegenstand der Anna selbdritt, der sich in der Schatzkammer befindet und drei Generationen - Jesus, seine Mutter Maria und deren Mutter Anna - umfasst,
spielt die Glaubensgeschichte eine Rolle. Im 12./13. Jahrhundert breitete sich der Glaube von der "unbefleckten Empfängnis" in ganz Europa aus, der auch in der Kunst einen
Niederschlag fand. Dieses Geheimnis ist aber nur in der Beziehung Marias zu ihrer Mutter Anna, die zwar in der Bibel nicht erwähnt wird, wohl aber in außerbiblischen apokryphen Schriften
seit dem 2. Jahrhundert, zu verstehen. Bei dem Geheimnis von der "unbefleckten Empfängnis" geht es nicht um den Vorgang "Maria hat empfangen" - das ist die
Verkündigung des Engels Gabriel an Maria -, sondern um die theologische Erkenntnis "Maria ist empfangen“ - im Leib ihrer Mutter Anna. Gott hat ganz am Anfang ihres Daseins in
die Lebensgeschichte Mariens eingegriffen, um sie aus dem Strom menschlicher Schuld herauszureißen. Maria sollte für die Aufnahme des Gottessohnes "voll der Gnade" (vgl. Lk
1,28) sein. Die unbefleckte Empfängnis Mariens ist keine Aussage über ihre moralische Qualität, sondern ein Lobgesang auf die Größe und Güte Gottes. Gott wollte mit diesem Geheimnis in
der Weltgeschichte einen völlig neuen Anfang setzen. Deshalb hat er Maria vor der Erbschuld bewahrt und in ihr für seinen Sohn ein Haus der Heiligkeit bereitet.
Aus diesem Grunde trat nach Jahrhunderte langer Darstellung der vertrauten Zweierbeziehung mit Maria und ihrem Kind im Mittelalter die Mutter Anna hinzu, so dass
sie sich zu einer Dreiergruppe "Anna selbdritt", das heißt "Anna zu dritt" ausweitete. Die Plastik in der Schatzkammer stammt aus der ersten Hälfte des 15.
Jahrhunderts. Sie ist aus Eichenholz gefertigt und farbig gefasst. Angeblich wurde sie 1964 in einer Abstellkammer beschädigt aufgefunden und von Hans Bücker aus Beckum-Vellern
restauriert. Die Mutter Anna sitzt auf einer Bank und ist von einem weiten, mit reichen Falten versehenen Mantel, der von einer Brosche in Form eines Vierblatts gehalten wird, umhüllt.
Die Fußspitzen bleiben sichtbar. Ihre Haare werden von einem Kopftuch verdeckt; Hals und Kragen sind bis unter das Kinn verschlossen. Ihr Blick ist nachdenklich und auf das Kind
gerichtet. Während sie mit der rechten Hand, die erneuert wurde, einen Weg weist, hält sie mit der linken ihre Tochter Maria und das Kind. Die Haare Mariens, über denen sich eine mit
Lilien besetzte Krone befindet, sind gelöst und fallen über die Schultern bis zur Gürtellinie ihres einfachen Kleides herab. Sie sitzt mit ausgestreckten Beinen auf dem linken Knie ihrer
Mutter und erweckt einen kindlichen Eindruck, der durch ihre jugendlichen Gesichtszüge verstärkt wird.
Das Jesuskind, das seine Beine übereinander geschlagen hat, hält ein
geöffnetes Buch, wahrscheinlich die Bibel, in der Hand. Maria, die mit ihrer linken Hand den Knaben an der Schulter fasst, führt mit der anderen die rechte Hand Jesu. Mit dem
ausgestreckten Zeigefinger zeigt Jesus in dem Buch auf eine Stelle, die für sein Leben bedeutsam sein könnte. Vielleicht übt er sich aber auch nur im Lesen, indem er seinen Finger unter
der Zeile führt. Der Blick Mariens ist besorgt, der des Kindes erwartungsvoll.
Die
Mutter Anna, die Maria geboren hat, wird mit der Kopfbedeckung der verheirateten Ehefrau dargestellt; die gelösten Haare Mariens ohne Kopfluch sind Zeichen ihrer Jungfräulichkeit. Sie war
von der Gnade Gottes umfangen, so dass ihr Leben immer ein Geheimnis bleibt. Luther sagt in seiner Auslegung des Magnifikats 1521 dazu: "Es will auch mit dem Herzen bedacht sein, was
das sei, Gottes Mutter sein.“ Der Verstand kann es nicht fassen; der Glaube ist gefragt.
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