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Andreas - Patron der orthodoxen Kirchen
Symbol
der Einheit zwischen den Kirchen
Von Propst i. R. Paul Jakobi
Die Sehnsucht der Christen nach Einheit im Glauben
ist gegenwärtig in unserem Land sehr ausgeprägt. Dabei geht es vornehmlich um die Ökumene zwischen der katholischen und evangelischen Kirche. Wenn in Fachkreisen von einer ”versöhnten Verschiedenheit“ gesprochen wird, soll damit sowohl auf Identität und Bedeutung der eigenen als auch auf den Reichtum der anderen Kirche hingewiesen werden. Weil beide Kirchen wertvolle Ausprägungen des christlichen Glaubens sind, sollen beide - bei übereinstimmendem theologischen Grundverständnis - erhalten bleiben.
Beide Kirchen stehen aber noch vor einer anderen ökumenischen Herausforderung: Vor der Einheit mit der orthodoxen Kirche. Die westlichen - lateinischen - und die aus der Kirche des byzantinischen Reiches hervorgegangenen Ostkirchen haben sich schon seit dem 5. Jahrhundert aus theologischen, politischen und strukturellen Gründen mehr und mehr von einander entfernt. Alle Vereinigungsbemühungen im Laufe der Geschichte konnten nur vorübergehende Erfolge erzielen.
Auch für diese beiden Kirchen gilt der Auftrag Jesu nach Einheit. Darüber hinaus ist sie auch deshalb wichtig, weil in den Ost- und Westkirchen Reichtümer bewahrt worden sind, die schon wegen der jeweils anderen Kirche nicht verloren gehen dürfen. Die Schätze der Liturgie, der Meditation und der Mystik, die bis heute in der orthodoxen Kirche gepflegt werden, sind wichtige Inspirationen auch für die westlichen Kirchen.
Von besonderer Bedeutung ist in der Ostkirche die Pflege der Heiligenverehrung, bei der auch die Reliquien eine Rolle spielen. In den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Ost und West kam es häufig zum Raub von Gebeinen, der zu schweren Verletzungen der Ostkirche geführt hat. Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die Reliquien des heiligen Apostels Andreas, der als Patron der orthodoxen Kirche und Russlands höchstes Ansehen genießt.
Der Heilige Andreas wird in der Bibel mehrmals erwähnt. Er war der erste, der von Jesus in seine Nachfolge gerufen wurde. Mit seinem jüngeren Bruder Simon, dem späteren Petrus, lebte er als Fischer in Kafarnaum. Zu beiden sagte Jesus: ”Folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen” (Mt 4,19). Diesem Auftrag entsprechend hat Andreas seine Missionsreisen in den Osten angetreten und das Wort Gottes im Gebiet um das Schwarze Meer, später in Griechenland verkündigt. Unter Kaiser Nero wurde er am 30. November 60 ermordet. Seine Hinrichtung erfolgte an einem schrägen Kreuz, das seither Andreaskreuz genannt wird.
Während seine Gebeine zunächst in Konstantinopel aufbewahrt wurden, kamen sie 1208 nach Amalfi in Griechenland. Sein Haupt aber wurde 1462 nach Rom entführt. Im Interesse der Versöhnung zwischen Ost- und Westkirche hat Papst Paul VI. das Haupt des hl. Andreas im Jahre 1964 nach Patras an die griechisch-orthodoxe Kirche zurückgegeben.
Eine kleine Reliquie des hl. Andreas wird in der Schatzkammer des Domes in einem Reliquienkreuz aufbewahrt. Schon im Jahre 1825 erwähnt der Forscher Ledebur in seiner Beschreibung des Mindener Domes ”ein Kreuz, in dessen Stamm Knochen des heiligen Andreas” aufbewahrt werden. Damals stand das Reliquiar noch im Altarraum, bevor es dann 1980 in die Schatzkammer kam.
Das Kreuz stammt aus dem Ende des 13. Jahrhunderts. Es besteht aus Silber, ist aber stark angelaufen, so dass auch die früheren vergoldeten Teile nicht mehr zu erkennen sind. Aus dem Fuß, der als Sechspass geformt ist, erwächst der schmale Schaft, in dessen Mitte sich ein abgeflachter Knauf befindet. Auf einer Rundkapsel ist die vollplastische Figur des hl. Andreas, der einen üppigen Bart trägt und mit einem langen Lendentuch bekleidet ist, angebracht. Hände und Füße sind mit Kordeldraht am Kreuz festgebunden. Auf der anderen Seite der Rundkapsel befindet sich ein Bergkristall mit der umschnürten Reliquie. Die gleichschenkligen Kreuzarme sind vor schraffiertem Grund mit sechs stilisierten Blättern als Lebensbäume versehen. An den vier Enden wird das Kreuz von Lilien geziert, die in Anlehnung an das Wort Jesu ”lernt von den Lilien“ (Mt 6,28) das Vertrauen des Heiligen in die sorgende Liebe Gottes ausdrücken sollen.
Das Wort des Apostels Andreas an seinen Bruder Simon, ”wir haben den Messias gefunden“ (Joh 1,41), gilt der Kirche in Ost und West. Dieser Heilige ist eine Klammer zwischen beiden, ein Symbol der Einheit zwischen der lateinischen und orthodoxen Kirche.
Das Reliquiar in der Schatzkammer kann ein Beleg dafür sein, dass in der Kunst auch heilige Menschen als Gekreuzigte dargestellt werden.
[Nächstes Objekt im Mindener Domschatz: Die Reliquienmonstranz]
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